Tor in eine andere Welt

Als ich das erste Mal das (Honbu-)Dojo betrat und – damals noch ganz am Ende – in die Reihe stand, hatte ich ein wenig das Gefühl, ein Tor zu einer anderen Welt betreten zu haben. War es die Bekleidung, die Stille, die Ehrfurcht vor dem Sensei, aber auch die Präsenz der Energie in diesem Raum? Die kurze Meditation im Sesa und die damit verbundene Stille, dieses Innehalten, In-Sich-Gehen, bekräftigten diesen ersten Eindruck. Eigentlich kannte ich dieses Ritual vom Judo her – ich hatte als Kind und Jugendlicher bereits Judo geübt – doch hier bekam es eine weit grössere Ernsthaftigkeit.

Das erste Training

Mit einem einfachen, aber anstrengenden Aufwärmen wurde ich wieder in die Realität zurückgeholt: Locker im Kreis laufen, verschiedene Kraft – und Dehnübungen.
Danach begannen die Übungen spezifischer Karate-Techniken: Mit ein paar weiteren Anfängern in einer Ecke übte ich zum ersten Mal die Grundtechniken, vorerst ohne Beinbewegungen. Aus unserer Ecke konnte ich die weiter fortgeschrittenen Anfänger beobachten, welche bereits einfache Bewegungsabläufe mit den entsprechenden Techniken übten.
Wir unter der Leitung eines Sempais, sie unter der Führung unseres Senseis, den ich aus meiner Anfänger-Ecke beobachten konnte. Ich war beeindruckt von seiner Kraft und Energie. Hier war einer, der von seiner Aufgabe komplett überzeugt war, der seine Berufung so ganzheitlich lebte, dass seine Autorität als Vorbild – und nicht als jemand, der einem etwas aufzwingt – niemals in Zweifel gezogen werden konnte. Spätestens von da an wusste ich: Dies war es, was ich gesucht hatte, hier bleibe ich. Wenn ich vor dem Kommen noch skeptisch war und dachte -jaja das ist doch wieder nur so eine halbe Sache, wusste ich von da an: Hier geht es ganz zur Sache. Ich übte noch am selben Abend vor dem Spiegel, was ich im ersten Trainig gelernt hatte.

Es macht mich heute schmunzeln, wie ich damals strebsam und beflissen war, ja nichts zu vergessen (ich sollte später und bis heute immer wieder Abläufe, insbesondere in Katas vergessen und wieder neu üben müssen. Heute weiss ich, dass dies Teil des Karate-Do ist und ich suche das Ziel nicht mehr in der perfekten Beherrschung der Techniken, sondern in deren Übung: So wurde mein Weg zum Ziel)

Die ersten Jahre - Übermut

Von da an ging ich regelmässig ins Training. Meine Motivation war verschiedener Art: Einerseits war ich beeindruckt von der Tiefe dieser Kunst und hatte auch ehrliche tiefe Absichten, andererseits tat es meiner Selbstsicherheit unheimlich gut, damit auch etwas anzugeben. Auch wenn ich nicht der Typ war, es allen zu erzählen, so tat es gut, durchblicken zu lassen, dass ich Karate trainiere, natürlich immer mit der Beteuerung, es nicht anzuwenden (um der Pflicht der Bescheidenheit zu genügen). Ich war stolz, eine Kampfkunst zu praktizieren, die etwas mystisches in sich birgt. Auch körperlich fühlte ich mich immer besser. Beginnend mit meinem vielleicht noch unsteten, unsicheren Ich (ich war ja auch noch jung) trat ich meinen Lebensweg im Karate-Do an, enthusiastisch, manchmal in Selbsttäuschungen verwickelt, strebsam lernend.

Es war nicht immer einfach – und ist es bis heute nicht – mich mit mir selber auseinanderzusetzen und mir meine Schwächen einzugestehen – war ich doch ohnehin nicht allzu selbstsicher und manchmal nur allzu gerne bereit, in Selbstmitleid zu vefallen. Doch die vom Karate ausegehende Kraft gab mir Mut nicht aufzugeben. Das war auch ein wichtiger Punkt der mir geholfen hat: Nicht so schnell aufgeben.

Die Jahre häufen sich

Die Jahre gingen so dahin. Ich begann zu merken, dass die schwierigste Aufgabe nicht war, ein Training durchzustehen, sondern mich immer wieder neu aufzuraffen, weiter zu machen, regelmässig an den Trainings teilzunehmen. Mit dem Zweifel schlichen sich allerlei Gründe ein – Müdigkeit, Arbeit, Termine – ein Training ausfallen zu lassen, immer mit der eigenen Rechtfertigung, getrieben auch von einem schlechten Gewissen, das nächste Mal aber sicher wieder zu kommen. Eine gewisse Nachlässigkeit begann sich einzuschleichen.
Auch die ersten Traningslager forderten meine Motivation heraus. In den zwei Wochen intensiven und harten Tranings mit zunehmender Müdigkeit begannn ich mich zu fragen, ob denn meine Gründe, mich diesen Anstrengungen auszusetzen, noch genügten.

Unterbruch

All diese Gründe führten dazu, dass ich mit der Zeit in meinem Eifer nachliess und die Trainingsbesuche unregelmässig wurden. Ich kam an einen Punkt, an welchem die Ernsthaftigkeit meiner Motivationen nicht mehr immer reichte, die Übungen regelmässig weiterzuverfolgen und ich mich manchmal dabei ertappte, eher für den Sensei als für mich ins Traning zu gehen, gleich wie Schüler oft glauben, für den Lehrer zu lernen und nicht für sich. In der Schule mag das ja noch verständlich sein, wenn man ein Fach nicht mag. Hier aber war ich freiwillig. Als ich dann noch öfters auswärts arbeitete, gerieten meine Bemühungen endgültig ins stocken. Ich trainierte in anderen Dojos, aber nicht mehr mit der gleichen Begeisterung und Ernsthaftigkeit.

Aus heutiger Sicht empfinde ich diese Zeit als eine der schwierigsten in meinem Leben. Ich war mit mir unzufrieden und mir war nicht wohl in meiner Haut. Die alte Motivation genügte nicht mehr und eine neue hatte ich nicht. Ich war auf der Suche nach neuer Orientierung. Ich musste mehr Bescheidenheit lernen in meinen Ansprüchen an die Welt und an mich selbst, vieles nehmen wie es ist.

Neubeginn

Sensei hat einmal gesagt, wer bei ihm Karate gelernt hat, ist auf der Stirn mit einen Stempel „P“ (Piacun, sein Name) gekennzeichnet. Karate hatte bei mir wirklich einen genügend grossen Eindruck hinterlassen, dass ich es nicht aufgeben konnte. Ich musste einfach wieder richtig einsteigen, wenn ich meine innere Ruhe finden wollte. Dabei half mir ein Freund und Weggefährte, den Anschluss wieder zu finden. Ich bin ihm sehr dankbar dafür. Ich glaube, dass er mir in gewisser Weise mein Leben gerettet hat.

Inzwischen war auch bei meinem älteren Sohn das Interesse an Karate erwacht. Er hatte es natürlich bereits von klein auf miterlebt, wie sein Vater trainierte und wollte jetzt selber damit beginnen. Wie schön war es (und selten genug heutzutage), dass mein Sohn sich von etwas begeistern liess, das auch mich in seinen Bann gezogen hatte. Wie hätte ich in diesem Moment anders gekonnt, als mich wieder voll dem Karate zu widmen. Generationenkonflikt? Nicht im Karate-Do! Ein weiterer Beweis dafür, dass Karate-Do eine Lebensschule sein kann, in welcher jeder etwas findet.

Heute - der Weg das Ziel

Einiges älter bin ich mir heute meiner Sache sicher: Karate ist ein wichtiger, kaum mehr wegzudenkender Teil meines Lebens. Ich schöpfe daraus viel Energie und erhalte als Geschenk eine innere Zufriedeheit ohne überheblich zu sein. Ich besuche möglichst regelmässig die Traninings und bemühe mich. Manchmal gelingt es recht gut, manchmal weniger. Ich frage nicht danach. Wenn ich zweifle, gehe ich erst recht ins Training. Ich sage mir, dass ich es ja nochmals probieren könne und ich weiss auch, dass ich nachher immer ganz anders darüber denke als vorher. Das ist die Erfahrung mit mir selber. Ich kenne mich jetzt auch schon länger und besser, auch wenn ich nicht dem Irrtum verfallen will, alles über mich zu wissen – bei weitem nicht.
Ich glaube, jetzt einen Lebenssinn gefunden zu haben: Den Dingen ihren Lauf zu lassen, da und dort – wo ich es für richtig halte – meinen Willen einzubringen, beide Dinge unterscheiden zu lernen und schlussendlich in mein Schicksal einzugehen: es lieben zu lernen. (ich glaube nicht an den Zufall. Schicksal bedeutet für mich aber, dass allem ein Willen zugrunde liegt. Das kann auch mein eigener sein). Mein Weg ist zu meinem Ziel geworden.

Was habe ich gelernt (...und lerne immer noch)

Klarheit

Karate-Do hat mir essenziell geholfen, mir über mich selber klarer zu werden, mich zu enttäuschen, aber vor allem auch zu erkennen, dass dieser Prozess des sich selbst Erkennens nie zu Ende ist. Es gibt immer wieder Momente des Zweifelns. Dann kann man entweder aufhören oder es trotzdem wenigstens versuchen, weiterzumachen. Vielleicht hilft in so einem Augenblick auch nur der Wunsch, nicht träge zu werden, fit zu bleiben (obschon natürlich dieser Grund allein nicht lange Zeit reicht – in so einem Fall geht man besser in einen Fitness-Center), aber ich habe bis jetzt immer wieder zurückgefunden, gestärkt durch eine neue Erfahrung. Dieser Prozess des Weiterkommens und Zweifelns ist für mich gleichzeitig jene Essenz, die mir das Karate-Do auch so wertvoll macht. Dieser Wiederstand ist es, der mich weiterbringt, der mir einen Spiegel vorhält, wo ich stehe.

Meditation

Der Zauber der Meditation hat für mich heute eine wichtige Bedeutung erhalten. Eine kurze Ewigkeit lange bilde ich nur mit mir selbst ein Universum, leere meinen Geist vom Gedankenrauschen und vergesse mich selber. Natürlich gelingt dies nicht vollkommen, aber auch bei unvollständigem Erreichen weckt dieser Zustand in mir ein Glücksgefühl. Insbesondere bei der Meditation am Ende eines anstrengenden Trainings fühle ich mich ausgeglichen und friedlich. Aber auch zu Beginn des Trainings bedeutet sie für mich immer noch den Gang durch das Tor in die andere Welt, in der ich oft fähig bin, Leistungen zu vollbringen, die ich mir vorher nicht zugetraut hätte und mich, obschon ich mit der Erfahrung diesen Verwandlungsprozess kennen gelernt habe, immer wieder in Verwunderung versetzt.

Umgehen mit Stolz und Überheblichkeit

Es ist einfach, sich gegenüber anderen gross vorzukommen, geheimnisvoll duchblicken zu lassen, dass man eine Kampfkunst ausübt. Man fühlt sich dann als etwas ganz Besonderes.
Um im Karate längere Zeit durchzuhalten, reichen aber solche Motivationen nicht aus. Da muss man schon tiefer vordringen in sich selber. Wenn dann die Einsicht reift, dass man Karate nur für sich selbst praktiziert und nicht, um anderen zu imponieren, andere genauso respektiert auf ihrem (Lebens-)weg und vielleicht auch schon erlebt hat, dass, je mehr man weiss auch umso mehr dazukommt, was man nicht weiss, dann wird man auch bescheiden und schämt sich solcher anfänglicher Überheblichkeit.

Umgehen mit Gewalt

Mit den Jahren habe ich verstehen gelernt, dass es eigentlich im Kampf nur Verlierer gibt und dass der wirkliche Gewinner jener ist, welcher gar nicht erst kämpft. Dann hat er den einzigen Kampf gewonnen, den zu führen sich lohnt. Den Kampf gegen sich selber.
Dies darf aber nicht aus der Angst vor dem Gegner heraus geschehen, sondern aus innerer Stärke, sonst hat nur die Feigheit gesiegt.

Freundschaft

Ich habe im Karate viele Leute kennengelernt und erleben können, wie wir uns verhalten, wenn wir unter grosser Anstrengung Karate üben. Insbesondere in Traningslagern wird es dann in solchen Situationen schwierig, die gewohnte Distanz aufrecht zu halten. Der wirkliche Charakter dringt unweigerlich durch, die Eigenheiten eines jeden treten zu Tage. Es ist für mich nicht immer einfach, damit umzugehen und am wenigsten damit, mir bewusst zu werden, dass ich meine eigenen Fehler habe.
Ich lerne immer wieder, dass die beste Möglichkeit ist, die anderen und mich selber ohne Bedingungen anzunehmen wie wir sind. Ich mag mich dann vielleicht immer noch über mich oder andere ärgern, aber es hilft mir, mit mir selber weiterzukommen.

Der Versuch, aufeinander einzugehen und sich aber auch gegenseitig ausleben zu lassen, wird mit Freundschaft belohnt. Die Freundschaft ist es, die mich auf meinem Weg immer wieder vorwärts trägt (wie oft war das wirklich der Weg des Joggens dem Meer entlang, die 267 Treppenstufen hoch in Trpanj, oder aber der Weg zurück ins Dojo). Das Gefühl des „wir“ hat mir immer wieder viel geholfen. Eine Parallele zum Aufgehen in den Übungen des Karate und der Meditation? Die Suche nach Harmonie?

Überwindung des Generationenkonflikts

Wie schön ist es, dass mein Sohn sich von etwas begeistern lässt, was auch mir viel bedeutet. Generationenkonflikt? Nicht im Karate-Do! Wir üben alle zusammen Karate, vom Kind bis zu den Grosseltern, vom Weltmeister bis zum Philosophen. Ein weiterer Beweis dafür, dass Karate-Do eine Lebensschule sein kann, in welcher alle etwas finden. Nur suchen wollen muss man.

Demut

Eine Provokation nicht annehmen, ausweichen. Denn was ein Provokateur am wenigsten erwartet ist, dass man nachgibt. So hat er nicht den erwarteten und vielleicht erhofften gegnerischen Widerstand. Er hat gar keinen Gegner mehr.
Demut zu zeigen ist für mich bis heute eine schwierige Herausforderung. Schnell ist es geschehen, dass ein Wort das andere ergibt und ein Streit eskaliert. Doch auch das ungute Gefühl danach ist schwer zu ertragen. Dann bleibt mir nichts anderes, als mich selber anzunehmen wie ich bin (wie war das schon, ach ja…ohne Bedingung).

Körperlich und geistig fit bleiben

Ein gesunder Geist in einem Gesunden Körper, ein altes Sprichwort, trifft den Kern der Sache. Bevor ich mich geistig weiterentwickeln kann, muss ich die Harmonie zwischen Körper und Geist – zwischen innen und aussen – herstellen, die Dualität aufheben. Wenn ich dies erreichen kann, bin ich frei für neues und verfüge über meine Energie, die sonst für den inneren Zwiespalt draufgeht.

Frieden

Nach einem anstrengenden Training fühle ich mich müde, in einem Zustand inneren Friedens. In einem solchen Moment könnte ich niemandem Böse sein, ich liebe alles und jeden. Nie bin ich sonst einem Zustand inneren Gleichgewichts näher: Ein Glücksgefühl. Ich erlebe alle meine täglichen Frustrationen, Aggressionen, Selbsttäuschungen aufgelöst in einem Strom der Zufriedenheit.

Frieden finden in einer Kampfkunst? Ja! Alles Schlechte ist nur nicht umgewandeltes Gutes. Ist da die Mystik des Karate-Do?